
Vorschnelle Grundannahmen sind selten eine gute Idee. Vor allem, wenn es darum geht, kreative Problemlösungen zu finden. Aber wir haben so viele davon, die wir nie in Frage stellen. Das ist natürlich zunächst eine private Angelegenheit. Stört aber gewaltig, wenn es zu Gruppen-Grundannahmen kommt. Was das sein soll? So etwas zum Beispiel:
Wenn ich in mein Navi ein Ziel eingebe (egal bei welchem Anbieter), geht das Navi wie selbstverständlich davon aus, dass es die „optimale“ Strecke für mich finden muss. Was es damit meint: So gut wie immer die schnellste Strecke, manchmal ein Mix aus kürzeste und schnellste Strecke, optimal eben. Aber, das ist eine falsche Grundannahme, wer sagt, dass ich das wirklich immer will? So schnell wie möglich am Ziel sein?
Bei einem Wochenendausflug, geht es um das Fahren an sich, das Erlebnis, nicht die schnellste Verbindung ist hier gefragt, sondern vielleicht die landschaftlich schönste Strecke. Eine Gruppe Motorradfahrer will vielleicht nicht über möglichst viel Autobahn zum Ziel, sondern über kurvige Landschaften, die zum cruisen einladen. Am besten eine Tour mit ein paar Biergärten oder Cafes auf der Strecke. Effektivität und optimales Streckenmanagement ist hier völlig fehl am Platz. Trotzdem gibt es keinen „scenic“-Mode mehr (zumindest habe ich keinen gefunden). In letzter Zeit optimiert noch KI mit, der oft falsche Ansatz wird also perfektioniert, super.
Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Eisenbahn Beispiel von Marketing-Genie Rory Sutherland. Das geht so:
Klassische Ingenieurslogik: Angenommen, die Zugfahrt von London nach Paris dauert 3 Stunden. Ingenieure schlagen vor, Milliarden zu investieren, um Hochgeschwindigkeitsstrecken zu bauen, die die Fahrzeit um 40 Minuten verkürzen.
Kosten: enorm. Nutzen: rein zeitlich gesehen nur 40 Minuten schneller.
Rorys „Werbung-mit-Logik“-Variante: Statt Milliarden auszugeben, könnte man für einen Bruchteil des Geldes den Zug komfortabler und attraktiver machen:
- Kostenloses Highspeed-WLAN
- Bequeme Sitze, gutes Essen, schönen Ausblick
- Oder scherzhaft: „Für 10 % der Baukosten könnte man Top-Models engagieren, die den Passagieren während der Fahrt Champagner servieren – und plötzlich wünscht sich niemand mehr, dass die Fahrt kürzer ist.“
…oder (mein Vorschlag) kostenloser Morgen-Kaffee für Pendler
Auch hier liegt eine, möglicherweise, falsche Grundannahme dahinter. Menschen wollen nicht immer unbedingt schneller ans Ziel, sondern oft ein besseres Erlebnis, oder nützliche Items auf dem Weg. Dafür nehmen sie dann längere Fahrten gerne in Kauf. (Pendelzeiten werden auf einmal nutzbar und wenn es nur für den Kaffee-auf-dem-Weg ist). Manche Zugstrecken werden sogar nur wegen des Erlebnissen gebucht. Niemand, der eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn plant, will schnellstmöglich nach Wladiwostok, oder?
Ich denke, die Idee ist klar. Wie wäre es, diese Erkenntnis bei der Betrachtung und Optimierung von Unternehmen umzusetzen? Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass zu eine Weiterentwicklung immer auf maximales Wachstum, schnelles Wachstum, mehr Umsatz, mehr Rendite, mehr Gewinn ausgelegt sein muss. Wirklich?
Wie wäre es mit der Gesundheit und Langlebigkeit aller im Unternehmen tätigen Menschen, vom Management bis zum Lager. Wie wäre es mit der maximalen Lebensqualität aller Beteiligten? Natürlich soll das Unternehmen noch Umsatz und Gewinn machen, der Zug fährt ja auch trotzdem zum Ziel, das Navi bring mich ja trotzdem zum Ziel, nur basierend auf einer anderen Grundlage.
Wie wäre es nun, dass auch mal politisch durchzudenken? Worauf sind aktuelle Regierungen ausgelegt? Welchen, möglicherweise, falschen Grundannahmen folgen die Akteure? Das könnten doch intelligente Menschen mal wirklich durchdenken.
KW 32 – Vielleicht ist das größte Problem nicht, dass wir zu langsam sind, sondern dass wir in die falsche Richtung rennen