
Es ist ein kulturelles Phänomen, ein Kult, anders lässt es sich nicht erklären, dass vernunftbegabte Wesen sich darauf einlassen. Ehrgeiz an sich ist ja hilfreich und bringt Menschen vorwärts im Leben, aber dieser ganze „work harder“ Zirkus ist eigentlich unschwer zu durchschauen.
Kennst du den: “ Ein Arbeiter steht auf dem Firmenparkplatz. Genau vor ihm fährt sein Chef mit einem nagelneuen Porsche auf den Hof. Der Arbeiter bewundert den neuen Sportwagen, Der Chef steigt aus. legt ihm den Arm auf die Schulter und sagt: „Wenn du dich richtig reinhängst und hart daran arbeitest, dann kauf ich mir nächstens Jahr noch einen.“
Natürlich wird dieser Mythos immer weiter befeuert, eine Bevölkerung, die sich reinhängt hat viele Befürworter. Aber schauen wir uns die Mitbegründer des Tech-Hustle-Cults ein bisschen genauer an. Elon Musk ist nicht da wo er ist, weil er 100 Stunden die Woche arbeitet. Sondern, weil er aus einer wohlhabenden Familie kam, sein Vater war sogar Teilhaber einer Smaragdmine. Das hat ihm einen Startschub verschafft, den nicht viele haben. Bill Gates war das zweitgeborene von drei Kindern eines Anwaltes und einer Lehrerin. Die wohlhabende Familie lebte in Seattle, wo Gates in den Sechzigern als einer der wenigen Privilegierten schon Zugang zu frühen Computern hatte, wäre er in einer Arbeiterfamilie geboren worden, hätte es Microsoft nie gegeben. Natürlich haben die beiden viel gearbeitet, es war nur nicht die Ursache für ihren Erfolg.
Das man viel erreichen kann, wenn man viel Arbeit investiert ist ja unbestritten, es ist nur nicht die generelle Lösung und schon garnicht die Ursache für Erfolg jeder Art. Wenn 18-jährige im Hustle-Mode nächtelang Content erzeugen, der niemand interessiert, Webseiten programmieren, die niemand besucht und Geschäftsmodelle entwerfen, die nie am Markt sichtbar werden, dann hilft mehr harte Arbeit auch nicht weiter. Es ist wie mit Fliege an der Scheibe, wir alle kennen das intensiver werdende Geräusch, wenn sie versucht durch die Scheibe zu kommen und wir wissen wo das endet. Die Anzahl der Fliegen, die es durch unglaublich harte Anstrengung geschafft haben die Scheibe zu durchdringen und in die Freiheit zu entkommen bleibt überschaubar.
Die Anhänger des hard work movements kopieren schlicht den falschen Teil der Geschichte. Sie glauben, sie müssten nur irgendwas mit genug Einsatz aufladen, dann ist der Erfolg unvermeidbar. Du gründest nicht das nächste Apple, weil du jetzt im Büro unter deinem Schreibtisch schläfst. Diesen Teil von Steve Jobs Erfolgsgeschichte zu kopieren ist genauso wirkungslos, wie zu glauben, das man nur eine Jeans, einen schwarzen Rollkragenpulli und eine Nickelbrille tragen muss um seinen Erfolg zu kopieren.
Gerade im amerikanischen Kulturkreis, den wir lange gehypt haben, ist der hard working man sprichwörtlich zum Ideal erhoben worden. Aber von harter, körperlicher Arbeit sind nur sehr wenige reich geworden. Das aktuell auch von der Politik wieder „mehr arbeiten“ als allwirksame Lösung gefordert wird, macht es nicht besser.
Was dieses „mehr und härter arbeiten aber erzeugt hat, ist eine Flut von ungesunden Auswirkungen.
66 % aller Erwerbstätigen erleben aktuell Burn‑out – ein historischer Höchstwert laut einer Studie von Forbes aus dem Februar 2025 .
82 % der Angestellten gelten als gefährdet, Burn‑out zu entwickeln (Stand: 2025) .
In einer Studie der Boston Consulting Group aus dem Juni 2024 gaben 48 % der Beschäftigten in acht Ländern (darunter Japan und Deutschland) an, im Moment mit Burn‑out zu kämpfen .
Laut einer Erhebung der Personalvermittlung Reed (Mai 2025) haben 85 % der Arbeitnehmer*innen Burn‑out- oder Erschöpfungssymptome, beinahe die Hälfte (47 %) nahm deswegen bereits gesundheitlich bedingte Auszeiten .
Depression und Angststörungen verursachen jährlich ca. 12 Milliarden verlorene Arbeitstage, mit geschätzten volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von 1 Billion USD
Davon wollen wir wirklich mehr haben?
Natürlich gibt eine Lösung: SMART statt HART. Damit meine ich nicht weniger, sondern eben smarter. Die Zeiten, wo man durch pure Verlängerung der Arbeitszeit Erfolge erzielt gehören in das industrielle Zeitalter. Ein Bauarbeiter, der 50 statt 40 Stunden schaufelt, bewegt mehr. Keine Frage, aber wollen wir ihm das wirklich antun? Ein Bagger könnte hier helfen. Cool, jetzt können wir den Baggerfahrer ja 50 statt 40 Stunden baggern lassen oder? Oder, wir verlagern das Richtung Robotik. Aber alleine die Idee jetzt auch den Baggerfahrer länger arbeiten zu lassen, zeigt wie tief verwurzelt diese hard work Idee ist. Mehr und schneller ist immer besser. Gas geben, egal wohin.
Eine smarte Lösung würde nicht bedeuten, nicht mehr oder viel zu weniger zu arbeiten (warum denken die alle eigentlich das wäre grundsätzlich falsch?), sondern, seine Zeit besser einzusetzen. Nein, eben nicht das dann 50 Stunden tun. Arbeitsfähigkeit ist eine wichtige Ressource, wir sollten sie hegen und pflegen, nicht mit Überforderung kaputt machen.
Vielleicht hilft eine Sport-Metapher. Training im Fitness-Studio macht dich leistungsfähiger und ist gesund. Sich reinzuhängen und anzustrengen ist dabei wichtig. Nur hingehen alleine reicht nicht, ein gewisser einsatz verhilft zum Erfolg. 3x/ Woche ca. 1 Stunden ist vermutlich optimal. Aber, aber „hard work“ – was ist damit? Haben nicht alle Profi-Bodybuilderimmer härter trainiert? Denkst du wirklich, dass du fitter und gesünder (vor allem gesünder) wirst, wenn du jetzt dein Trainingspensum auf 5 x 2 Stunden pro Woche steigerst? Wie wäre es damit die Sache smart anzugehen? Du kannst deine Trainingseinheiten smarter gestalten, du lernst z.B. wie Muscle-Mind-Connection funktioniert und machst dein Training damit effektiver, oder spielst mit der Zusammensetzung deiner Muskel-Splits herum. Du könntest auch über Rahmenparameter wie Ernährung und Schlaf nachdenken, alles sehr smart. Deine Erfolge werden schnell sichtbar werden, ganz ohne „mehr vom gleichen.“ Wie ein weiser Mann mal sagte: „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Bedeutet das nun, dass SMART immer besser ist als HART? Natürlich nicht, wie sie oft im Leben geht es um Balance. Es gibt Phasen, wo Einsatz gefordert ist. Nur immer smart zu sein und damit immer untätiger zu werden trifft auch daneben. Nur, smart kann man praktisch unbegrenzt sein, hard work hat seine Grenzen. Das gilt es zu verstehen.